Die Musik der Natur

Kräftemessen im Belcanto

BelcantoSingen ist prinzipiell eine anstrengende Arbeit, die Kraft und Ausdauer verlangt. Das gilt auch für Vögel. Zum erheblichen Energieaufwand für die große Oper kommt das Wagnis, das lautes Singen in freier Wildbahn birgt. Der Schall breitet sich schließlich in alle Richtungen aus und kann unbemerkt auch Jägerohren treffen. So gesehen muss die Übung einen Nutzen für das Vogelleben haben, der ihre Kosten und  Risiken überzeugend rechtfertigt.

Bei den meisten Vogelarten ist das Singen Männersache. Männchen sind es auch in den meisten Fällen, die ein attraktives Revier gegenüber Rivalen verteidigen und Weibchen für sich interessieren müssen, um sich erfolgreich fortpflanzen zu können.

Generell sind sich Wissenschaftler darüber einig: Es gehört zu den wichtigsten Funktionen des Vogelgesangs, weibliche Vögel von den Qualitäten eines männlichen Revierbesitzers zu überzeugen und Konkurrenten zu übertönen.

Vogelmännchen betonen demnach mit dem Gesang ihre Manneskraft und lassen dabei zugleich die Muskeln spielen. Mit dem Unterschied, dass Potenzbeweise für die Weiblichkeit oft deutlich variantenreicher und ausführlicher vertont werden als das Muskelspiel unter Männern.

Was die Kräfteökonomie betrifft, lohnt sich das Gesangsverhalten der Vögel jedenfalls für den einzelnen Sänger ebenso wie für seine Zuhörerinnen und Zuhörer. Im Gesangsduell können Vögel ihre Kräfte viel schonender messen als in aussichtslosen Kämpfen mit Überlegenen. Die Form vieler solcher Duelle folgt ihrer Funktion: Die einzelnen Strophen sind laut und deutlich genug, um Identität, Verfassung und Position zu signalisieren. Und sie sind kurz genug, um in den Pausen hinzuhören, mit wem man es zu tun bekommt und wie weit ein Gegner zu gehen bereit scheint. Spannend ist die Beobachtung, dass sich Duellanten bei solchen Gelegenheiten häufig gesanglich aufeinander beziehen. Dabei antworten beide Kontrahenten bevorzugt mit den gegnerischen Strophen, die zugleich Bestandteil des eigenen Repertoires sind. So, als wollten sie sagen „ Was Du kannst, kann ich besser!“ oder als würden sie eine Provokation mit gleicher Münze zurückzahlen, indem sie etwa „Schwächling!“ mit „Selber Schwächling!“ beantworten. Es wäre möglich, dass zwei, die „dieselbe Sprache sprechen“, schneller herausfinden, ob sich ein unrentabler Kampf vermeiden lässt. Was der Nutzen im Einzelfall tatsächlich sein mag, ist aber noch weitgehend unklar. Jedenfalls spart die Fähigkeit der Vögel, friedliche Nachbarn von frechen Eindringlingen schon am Tonfall zu unterscheiden, ebenfalls kostbare Energie.

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