Die Musik der Natur

Übung macht den Meistersänger

Amsel mit BlumeManchen Vögeln ist ihr komplettes Gesangsrepertoire schon mit ins Nest gelegt. Das ist nicht nur für den Kuckuck praktisch, dessen leibliche Eltern bekanntlich von Natur aus nicht für Gesangsunterricht zu haben sind.

Experimentell lassen sich angeborene Gesangsfähigkeiten an Tieren zeigen, die taub aus dem Ei geschlüpft oder wie Kaspar Hauser aufgewachsen sind. Sie singen den widrigen Umständen zum Trotz, was ihnen die Natur mitgegeben hat und brauchen keinen Lehrer. Dafür sind ihre Lautrepertoires generell weder besonders vielfältig noch variabel.

Dem stehen Vögel gegenüber, die das Singen lernen. Vor allem bei drei großen Gruppen, die zusammen mehr als die Hälfte aller bekannten Vogelarten stellen, ist das bisher umfassend untersucht und beschrieben: Parallel zueinander hat sich bei Kolibri-Arten, bei den Papageien und bei den Singvögeln die Fähigkeit entwickelt, Laute zu imitieren.

Die Begabung zu Imitationen dient allgemein als Substanz der Lernfähigkeit. Beim Gesangslernen der Vögel erweist sie sich als eine zentrale Bedingung für die Evolution des formenreichsten und variabelsten akustischen Verhaltens im ganzen Tierreich.

Zwar bringen auch die Jungvögel lernender Arten ein mentales Programm mit, das die Grundregeln arttypischen Gesangs schon enthält. Dieses Programm legt die Küken aber nicht fest, sondern hilft ihnen dabei, den für sie richtigen Gesang aus dem chaotischen Lautgewirr in ihrer Umwelt herauszufiltern. Es wird sozusagen „wachgerufen“, wenn die Küken ihre Eltern singen hören, und es fesselt selektive Aufmerksamkeit für die Gesangsspezifika ihrer Art.

Mit dem Heranwachsen trainieren die jungen Vögel ihre Stimmen durch die Imitation des Gehörten. Diese musikalische Früherziehung, bei deren Übungen die Tiere sich gewissermaßen selber beim Singen zuhören können, sorgt im Abgleich mit den mentalen Strukturen für den Grundstock in ihrem individuellen Gesangsrepertoire. Ein Teil dieses Lernens scheint sich buchstäblich im Schlaf zu vollziehen. Das legen jedenfalls Hirnuntersuchungen an Zebrafinken nahe. Sie beweisen, dass im Gehirn schlafender Vögel neuronale Aktivität stattfindet, deren Muster exakt mit denen überstimmen, die beim Singen entstehen.

Junge Vögel lernen zugleich, sich an artspezifische Gesangsregeln zu halten und das gebotene Tonmaterial auf ihre eigene Weise zu variieren. Einerseits macht das unter Artgenossen als zugehörig kenntlich, was eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Paarungserfolg ist. Andererseits muss ein Vogelmännchen nicht allein von der richtigen Art sein, sondern auch noch zu den attraktivsten Sängern seiner Art gehören.

Besonders lernfähige Vögel sind unter diesem Zwang klar im Vorteil, denn sie können ihr arteigenes Repertoire nach allen Regeln der Kunst variieren. Manche Arten treiben die Kunst der Improvisation so weit, dass sie sich auch bei langen Gesängen Dank der Zahl verfügbarer Strophenvarianten selten oder nie wiederholen müssen.

Neben der Bildung individuell variierter Repertoires ist auch die regionale Differenzierung von Populationen über ihre jeweiligen Gesangsdialekte ein interessanter Effekt des Lernens.  Solche Dialekte sind naturgemäß leichter bei solchen Arten festzustellen, die nur eine geringe Zahl von Strophen in ihrem Gesang haben. Hier tritt nämlich die gebietstypische Abweichung klarer hervor als bei großen Repertoires von Arten, deren Individuen noch dazu viel improvisieren. Buchfinken im Berliner Grunewald singen also  beispielsweise einen anderen Buchfinkendialekt als eine Population derselben Art im Potsdamer Schlosspark Sanssouci.

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