Die Musik der Natur

Talentshow mit geklauten Klängen

Das Gesangslernen schließt die Fähigkeit ein, Gehörtes nachzuahmen. Offensichtlich hört die Anwendung dieser Gabe jedoch nicht zwingend an Artgrenzen auf. Tatsächlich sorgt das Talent zum Imitieren im Repertoire einiger Vogelarten für teilweise verblüffend präzise Kopien von Lautsequenzen aus artfremden Quellen.

Weltmeister im Imitieren von artfremden Gesängen und Geräuschen gleich welcher Art ist der australische Leierschwanz (Menura superba). Leierschwanz-Männchen sind in der Lage, den Gesang von mehr als 20 verschiedenen Vogelarten so täuschend genau zu kopieren, dass selbst Männchen der betreffenden Arten darauf hereinfallen. Natürlich nur als ungewollter Nebeneffekt, denn eigentlich sollen ja nur Leierschwanz-Damen beeindruckt werden. Das klappt offenbar auch mit Alarmsirenen von Autos, Kamerageräuschen oder Motorsägenkrach.

SpottdrosselAuch andere Arten sind höchst eindrucksvoll als Stimmen-Imitatoren und Geräuschemacher: Spottdrosseln (Mimus polyglottus, englisch:  mockingbirds) sind auf der Rangliste der Kopisten ebenfalls weit oben. In der Mimikry-Liga spielen beispielsweise auch Papageien, Rabenvögel, Stare, Amseln, Grasmücken oder Rohrsänger auf verschiedenen Rängen mit. Zugvögel wie der Sumpfrohrsänger sind im Stande, internationale Gesangsanleihen von mehr als 60 verschiedenen Arten  zwischen die eigenen Arien zu mischen. Auch andere Zugvögel klingen polyglott, weil sie unterwegs Neues hören und die aufgeschnappten Sounds von ihren Reisen mitbringen. Artgenossinnen könnten sich so zum Beispiel den passenden Partner für ihr bevorzugtes Winterquartier auswählen. Und vogelkundige menschliche Zuhörer könnten daraus Rückschlüsse auf  die genauen Zugrouten der Soundkopisten ableiten.

Stare ahmen hier meckernde Ziegen nach, dort quietschende Türen und anderswo Erkennungspfiffe von Menschen. Rabenvögel können wie Papageien menschliche Sprache nachahmen. Amseln machen ebenso wie auch andere Vögel als Bewohner menschlicher Siedlungen die dort gehörten Handyklingeltöne nach. Gimpel bringen den „Jäger aus Kurpfalz“ als komplettes Motiv in ihrem Gesang unter.

Unter Wissenschaftlern herrscht noch kein Einvernehmen über den Ursprung und die genaue Funktion dieser akustischen Mimikry. Sie eignet sich aber ersichtlich zur individuellen Repertoiredifferenzierung und dient ihren Anwendern so vielleicht als strategisches Plus für Imponierzwecke und zur Einschüchterung von Rivalen.

Denkbar ist auch, dass es für Vogelmännchen von Nutzen sein kann, Gesangsparts von nahe verwandten Arten zu lernen. Auf diese Weise könnten sie ihr Territorium auch gegen die Platz- und Futterkonkurrenten aus diesen Arten mit  reiner Stimmgewalt  verteidigen. Möglicherweise geht dies sogar so weit, dass sich Vögel mit dem Abkupfern artfremder Songs den bevorzugten Zugang zu besonders attraktiven Ressourcen sichern. Etwa dergestalt, dass die Spottdrossel mit ihrem Reviergesang nicht nur andere Spottdrosseln aus dem Baum mit den süßesten Kirschen fernhält, sondern auch gleich noch möglichst viele anders gefiederte Kirschenfans zurückpfeifen kann. Gegen die Bedrohung durch hungrige Beutegreifer könnte es hingegen helfen, die Alarmrufe anderer mitzubeherrschen, weil sich so im Ernstfall mehr kampfbereite Verstärkung heranpfeifen ließe. Viele Erklärungen für das Imitieren sind plausibel, keine ist bisher wissenschaftlich konsistent verallgemeinerbar. Vor allem bleibt es einstweilen ein ungelüftetes Geheimnis, warum Vögel mancher Arten andere nachahmen und manche nicht.

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Der australische Leierschwanz