Tierische Landflucht

Eine Leseempfehlung zur Natur in der Stadt

Artenvielfalt ist schon lange nicht mehr da, wo das gängige Klischee vom Ländlichen sie immer noch am liebsten verorten möchte. Was wir hochtrabend „Kulturlandschaft“ nennen, haben wir in unserer Gier nach immer billigerem Brot und Braten zu einem „Meer von Monotonie“ verkommen lassen. Und das bietet vielen freilebenden Tier- und Pflanzenarten viel zu wenig für ihr Überleben.

Doch in den Städten, also ausgerechnet dort, wo die in unseren Augen„naturfernste Form der Landnutzung“ stattfindet, überrascht uns unerwarteter Artenreichtum!
So stellt uns Reichholf zum Beispiel Berlin, Hamburg, München und Köln als die vogelreichsten Städte Deutschlands vor. Berlin sogar als „Hauptstadt der Nachtigallen“, die zur Brutzeit der melodiösen Sänger gut zehnmal so viele Paare je Quadratkilometer Fläche beherbergt wie ganz Bayern.

Füchse, Dachse und Marder in städtischen Parks und Straßen, Wildschweine in Berliner Vororten, Biber mitten in München – Reichholfs Buch beschreibt das Vorkommen nahezu aller Arten freilebender Säugetiere in unseren Großstädten als Regel, nicht als Ausnahme! Gleiches wird auch über eine Vielzahl von Insekten, besonders Schmetterlingen, und von wild wachsenden Pflanzen berichtet. Deren Artenspektrum in der Stadt übertrifft nicht selten das der nahen Umgebung um das Doppelte.
Es scheint also, als scherten sich weder Tiere noch Pflanzen um die angebliche „Unwirtlichkeit der Städte“. Entscheidender scheinen für die Ansprüche vieler Arten andere Qualitäten der „Stadtnatur“ gegenüber dem weithin flurbereinigten, überdüngten Land zu sein. Zum Beispiel günstigere klimatische Bedingungen, kleinteiligere Strukturiertheit, weniger Jagddruck oder das bessere Nahrungsangebot.

Reichholfs faktenreiche Beschreibung städtischen Artenreichtums zeigt eindrucksvoll, dass Stadtnatur viel mehr ist als Restnatur im Häusermeer. Auch wenn man streiten kann über Formulierungen wie die vom „seltsamen Attraktor Stadt“, dem nicht nur Menschen, sondern auch andere Lebewesen „erliegen“ - wer das Buch gelesen hat, der sieht den Lebensort Stadt jedenfalls mit anderen Augen.

Bleibt zu wünschen, dass Reichholfs Buch auch dazu beitragen kann, die Diskussion über nötige Voraussetzungen für ein dauerhaft reiches Artenspektrum in Stadt und Land voranzutreiben. Wenn beispielsweise aus seinen Befunden in der Stadt die nötigen Schlüsse auch auf dem Land gezogen würden - die Erhaltung der Artenvielfalt in Deutschland wäre ein gutes Stück vorangebracht!

Josef H.Reichholf
Stadtnatur
Eine neue Heimat für Tiere und Pflanzen
oekom verlag, München, 2007
320 Seiten, 24,90 € ISBN 978-3-86581-042-7

 

 

 

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